Aufgefallen
Das Phänomen Fadenvorhang
Beurteilungen in Gestaltung und Material sind, wie wir alle wissen, häufig subjektiv. Dennoch es gibt Grundsätze die sind eigentlich nicht zu diskutieren, dennoch versuche ich es an dieser Stelle und bemühe mich in den folgenden Zeilen objektiv zu sein.
Am Anfang war die Wolle, die Seide, der Kunststoff – daraus gesponnen wurde der Faden. Aus diesem Faden wurde das Gewebe – Stoffe, für alle möglichen Anwendungsgebiete: Möbel, Kleidung und auch Vorhänge. Um nun alle möglichen Anwendungsfälle abzudecken, kamen schlaue Produktmanager der Textilindustrie auf die Idee den Produktionsschritt des Webens schlicht wergfallen zu lassen. Geboren wurde so der Fadenvorhang. Die Produktion lief auf Hochtouren in großer Variabilität: schmal und breit, kurz und lang und immer Weiß.
Wo es schon einmal da war musste dieses Material nun eingesetzt werden. Dekorateure, Designer, Innenarchitekten taten ihr Notwendiges. Die Einsatzgebiete und und Arten waren vielfältig: als teilender Vorhang, als halbtransparenter Raumabschluss, als Fenster- und Türbedeckung. (An dieser Stelle muss der Fadenvorhang den Vergleich mit dem Perlenvorhang vor der Pizzeria aushalten).
Nachdem nun eine große Gruppe von Verbrauchern mit dem Fadenvorhang mehr oder weniger versorgt waren, kamen nun die Spezies der Messegestalter, die ständig auf der Suche nach „aktuellen“ Materialien sind, auf den Fadenvorhang und priesen ihn als neues, aktuellstes Material im Messebau mit der Erklärung an, er ist relativ preiswert, lässt sich leicht montieren, hat wenig Gewicht und macht viel her. Da nun der geniale gestalterische Umgang mit diesem Material eher selten war, entstanden oft optische wie praktische Peinlichkeiten.
Doch es passierte etwas, dass wir aus dem täglichen Leben kennen: Der Genosse „Trend“ schlug zu! (Anders lassen sich die Frisurenmode oder der Einsatz von Schulterpolstern in den 80ern nicht erklären). Und so entdeckte der aufmerksame Messebesucher, dass sich der Fadenvorhang wie ein unendlicher Faden durch die Messehallen zog und auf den unterschiedlichsten Messeständen eingesetzt bzw. aufgehängt wurde – und das in vielen Branchen und den damit verbundenen Veranstaltungen. Messestände wurden damit eingehüllt, verhängt, geteilt und manchmal entstand der Effekt, als würden zu kurze Röcke um den Messtand aufgehängt werden.
Was die Kollegen vom Messebau genauso wie die Gestalter unterschätzt hatten, war die Tatsache, dass sie nicht die einzigen waren, die auf den genialen Einsatz des Materials gekommen sind. Und so hatte der Fadenvorhang eine recht kurze Halbwertszeit, ist er doch inzwischen „optisch abgenutzt“ und erweist sich auf keinen Fall als Alleinstellungsmerkmal. Wetten dass das gleiche Schicksal den „Pudelteppich“ treffen wird?
Aber was ist nun mit dem Fadenvorhang? Er bekommt das, was er verdient hat! Er ist aus den Messehallen vertrieben. Er hat „Gott sei Dank“ die Bewährungsprobe nicht bestanden. Der Fadenvorhang sollte wieder zu seinem Ursprung zurückgeführt werden, zum Faden, der sich als roter durch das Messestandkonzept zieht und nicht als optisches Chichi von der Decke baumelt.
Die Kolumne stammt vom FDA-Mitglied Jürgen Bahls, Geschäftsführer bahlsconcepts gmbh
Kurz + gut: Was ist das FDA?
FDA steht für Forum Design und Architektur im FAMAB.
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